Hochwasserschutz

Katastrophen wie das Hochwasser im Juni 2013 erinnern uns daran, dass wir Naturereignisse nicht beliebig kontrollieren können. Hochwasser sind Teil des natürlichen Wasserkreislaufes und begünstigen eine heterogene, natürliche Gewässerstruktur. Die Natur kennt keine Hochwasserschäden. Durch Eingriffe des Menschen wurden das Gewässer und die Flussaue verändert und einer zunehmenden wirtschaftlichen Nutzung unterworfen. So erhöhten sich Hochwasserrisiko und Hochwasserschadenspotential gleichzeitig.

Moderner Hochwasserschutz basiert auf der Analyse des Hochwasserrisikos und des Hochwasserschadenpotentials und zielt auf die Minderung von Schäden.

Drei Säulen

Der Hochwasserschutz in Sachsen-Anhalt baut auf den drei Säulen

  • Natürlicher Wasserrückhalt in der Fläche (Hochwasserflächenmanagement)
  • Technischer Hochwasserschutz
  • Hochwasservorsorge auf.

Natürlicher Wasserrückhalt bedeutet, das auf der Fläche der Einzugsgebiete und in den Gewässern und Auen anfallende Wasser am sofortigen Abfließen zu hindern. Jeder Kubikmeter Wasser, der nicht sofort zum Abfluss kommt, ist ein Gewinn für den Wasserhaushalt und eine Entlastung bei Hochwasser.

Die Anlagen des technischen Hochwasserschutzes sind Teil der Infrastruktur, wie Straßen, Energieversorgung und Telekommunikation, zum Nutzen der Bürger. Eine absolute Sicherheit kann nicht garantiert werden, insbesondere bei Überschreiten der zu Grunde gelegten Leistungsparameter. Mit Deichen, Rückhaltebecken und Talsperren werden bis zum Bemessungsfall verbesserte Nutzungsmöglichkeiten gewährleistet. Der Unterhaltung dieser Anlagen kommt eine besondere Bedeutung zu. Sie ist permanente Aufgabe und darf im Interesse der öffentlichen Sicherheit nicht vernachlässigt werden.

Die Hochwasservorsorge beinhaltet, sich auf die Gefahren, die von Hochwasser ausgehen können, einzustellen. Das gilt auch für den Fall, dass ein über die Bemessung der technischen Hochwasserschutzanlagen hinausgehendes oder noch höheres Hochwasser als das bisher bekannte auftritt. Die Hochwasservorsorge umfasst:

  • Flächenvorsorge
    Die Festsetzung von Überschwemmungsgebieten bietet z.B. die Möglichkeit, nur standortgerechte Nutzungen zuzulassen und eine weitere Bebauung dieser Gebiete zu verhindern.
  • Bauvorsorge
    Mit einer entsprechenden Anpassung vorhandener Bebauungen und Nutzungen können bei auftretenden Überschwemmungen Hochwasserschäden vermieden oder vermindert werden.
  • Verhaltensvorsorge
    Maßgeblich sind die Zeiträume zwischen dem Anlaufen eines Hochwassers und dem Eintritt der kritischen Hochwasserstände. Diese Zeiträume, die für die Schadensbegrenzung im Überflutungsfall zur Verfügung stehen, werden von den Möglichkeiten der Hochwasservorhersage vorgegeben. Ein gut organisierter Hochwassermeldedienst kann die Vorraussetzungen schaffen, um für das rechtzeitige Handeln Betroffener zu sorgen.
  • Risikovorsorge
    Für den Fall, dass trotz aller vorgenannten Strategien ein Hochwasser-schaden eintritt, ist eine finanzielle Eigenvorsorge der Bürger empfehlenswert. Öffentliche Risikovorsorge, Eigenvorsorge und versicherungsgestützte Eigenvorsorge können jeweils bestimmte Segmente des Hochwasserrisikos abdecken.

>>> Weitergehende Hochwasservorsorge

Ergänzend zum technischen Hochwasserschutz sind folgende Maßnahmen der

weitergehenden Hochwasservorsorge erforderlich:

  • Flächenvorsorge - möglichst kein Bauland in überschwemmungsgefährdeten Gebieten ausweisen,
  • Bauvorsorge -angepasste Bauweisen und Nutzungen, die mögliche Hochwasserüberflutungen schadlos überstehen lässt
  • Verhaltensvorsorge -Warnung vor einem anlaufenden Hochwasser und Umsetzung dieser Warnung vor Ort in konkretes Handeln
  • Risikovorsorge - finanzielle Vorsorge für den Fall, dass trotz aller vorgenannten Strategien ein Hochwasserschaden eintritt
  • Bewusstsein wecken - dass auch in deichgeschützten Gebieten eine Hochwassergefahr nie ganz ausgeschlossen werden kann

>>> Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie

Die Richtlinie 2007/60/EG des Europäischen Parlaments und des Rates vom 23. Oktober 2007 über die Bewertung und das Management von Hochwasserrisiken (Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie, HWRM-RL) stellt die erste umfassende europäische Rechtsvorschrift im Bereich Hochwasserschutz dar. Dabei liegt das explizite Ziel der Richtlinie darin, einen Rahmen für die Bewertung und das Management von Hochwasserrisiken zur Verringerung der hochwasserbedingten nachteiligen Folgen auf die menschliche Gesundheit, die Umwelt, das Kulturerbe und wirtschaftliche Tätigkeiten in der Gemeinschaft zu schaffen. Die Richtlinie steht im engen Zusammenhang mit der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL). Die Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie verfolgt entsprechend der Wasserrahmenrichtlinie die Betrachtung in Flusseinzugsgebieten.

Die Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie wurde mit dem Gesetz zur Neuregelung des Wasserrechts vom 31. Juli 2009 in deutsches Recht überführt. Das mit diesem Gesetz novellierte Wasserhaushaltsgesetz trat am 01. März 2010 in Kraft.

Ziel der Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie ist es, einen Rahmen für die Bewertung und das Management von Hochwasserrisiken zur Verringerung der hochwasserbedingten nachteiligen Folgen auf die

  • menschliche Gesundheit
  • die Umwelt
  • das Kulturerbe und
  • wirtschaftliche Tätigkeiten

in der Gemeinschaft zu schaffen (Artikel 1 HWRM-RL).

Als fachliche Aufgaben gibt die HWRM-RL den Mitgliedsstaaten folgende Arbeitsschritte mit unterschiedlichen Durchführungsfristen vor, zu denen die Bund/Länder-Arbeitgemeinschaft Wasser jeweils Empfehlungen zur Bearbeitung herausgegeben hat:

  • vorläufige Bewertung der Hochwasserrisiken in den Flussgebietseinheiten bis 22. Dezember 2011
  • Erstellen von Hochwassergefahrenkarten und Hochwasserrisikokarten für die Hochwasserrisikogebiete bis 22. Dezember 2013
  • Aufstellung von Hochwasserrisikomanagementplänen für die Hochwasserrisikogebiete bis 22. Dezember 2015

Die Richtlinie sieht eine Überprüfung und gegebenenfalls Aktualisierung der vorläufigen Bewertung des Hochwasserrisikos erstmals bis zum 22.12 2018, der Gefahren- und Risikokarten bis zum 22.12.2019 und der Hochwasserrisikomanagementpläne bis zum 22.12.2021 und danach in einem Turnus von sechs Jahren vor.

Das Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt des Landes Sachsen-Anhalt ist gemäß Artikel 3 Absatz 2a Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie (HWRM-RL) als zuständige Behörde für die Durchführung der Richtlinie in Sachsen-Anhalt benannt worden. Die Umsetzung erfolgt wie bei der Wasserrahmenrichtlinie in den Flussgebietseinheiten Elbe und Weser.

2011 wurde die erste Stufe der Umsetzung der HWRM-RL - die vorläufige Bewertung des Hochwasserrisikos - abgeschlossen. Im Ergebnis wurde in Sachsen-Anhalt eine Gewässerstrecke mit potenziell signifikantem Hochwasserrisiko von 1.865 km ausgewiesen. Davon entfallen 1.794 km auf Gewässer im Einzugsgebiet der Elbe und 71 km auf Gewässer im Einzugsgebiet der Weser. Insgesamt wurde an 67 Gewässern ein signifikantes Hochwasserrisiko festgestellt. Es verbleiben somit auch Gewässer, bei denen nicht von einem potentiell signifikanten Hochwasserrisiko auszugehen ist.

Für die identifizierten Gewässerstrecken werden nun in der zweiten Stufe der Umsetzung der HWRM-RL bis Ende 2013 Hochwassergefahren- und Risikokarten erstellt.

>>> Hochwassermeldedienst

Der Schutz vor Hochwassergefahren erfordert neben technischen Maßnahmen auch die frühzeitige Warnung vor extremen Wasserstandsentwicklungen in den hochwassergefährdeten Gewässern des Landes Sachsen-Anhalt. Das Land arbeitet hierbei eng  mit den Nachbarländern und der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes zusammen.

Die Verordnung über den Hochwassermeldedienst vom 25. November 2014 (GVBl. LSA S. 489) sowie die damit verbundene Verwaltungsvorschrift - Hochwassermeldeordnung (HWMO) vom 1. Dezember 2014 (MBl. LSA v. 10.12.2014) regeln den Hochwassermeldedienst in Sachsen-Anhalt.

Der Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft ist die Hochwasservorhersagezentrale (HVZ) des Landes und leitet den Hochwassermeldedienst. Die HVZ verfügt über moderne technische Möglichkeiten zur Datenerfassung und -bewertung, zum Datenaustausch und zur Information vom Hochwasser Betroffener.
Wasserstände und Durchflüsse der Pegel des Landes Sachsen-Anhalt sowie der Nachbarländer (Brandenburg, Sachsen, Thüringen) werden ständig überwacht und im Zusammenhang mit Warnungen des Deutschen Wetterdienstes über starke Niederschläge oder Tauwetter hinsichtlich der Entstehung von Hochwassersituationen bewertet. Sofern nötig werden durch die HVZ

  • Hochwasserwarnungen, sobald die Möglichkeit einer Hochwasserentwicklung erkennbar ist und/oder
  • Hochwasserinformationen zur aktuellen Lage und voraussichtlichen Entwicklung des Hochwassergeschehens

herausgegeben. Auf der Öffentlichkeitsplattform der Hochwasservorhersagezentrale können sich interessierte Bürger zeitnah über Wasserstände und Abflüsse und die weitere Entwicklung der Hochwassersituation informieren. Die Daten werden mehrmals täglich aktualisiert. Darüber hinaus werden dem Bürger wertvolle Hinweise für die eigene Verhaltensvorsorge bei Hochwasser und viel Wissenswertes über den Hochwasserschutz des Landes angeboten.

Als Datengrundlage für den Hochwassermeldedienst betreibt das Land ein Messnetz mit 99 Fernpegeln, davon 36 Hochwassermeldepegeln, deren Wasserstands- und Abflussdaten mit einer, der jeweiligen hydrologischen Situation angepassten Abrufdichte automatisch an die HVZ übertragen werden. Für das rechtzeitige Warnen vor Hochwasserereignissen und zur Fertigung qualitativ hochwertiger Hochwasservorhersagen stützt sich der LHW auch auf eigene Niederschlagsmessstationen, sogenannte Ombrometer. Die Standorte der Fernpegel sind in einer Karte dargestellt. 

Im Ergebnis der Überprüfung des bereits in den Jahren 1995 bis 1997 ausgerüsteten Fernmessnetzes wird dieses an die fortgeschrittene technische Entwicklung und die heutigen Ansprüche an Datenbereitstellung und Datenpräsentation angepasst. Ziel der Modernisierung ist u.a. den Prozess der Online-Datengewinnung bis zur Bereitstellung von Daten im Internet deutlich zu beschleunigen.

Weitere Informationen über aktuelle Wasserstände während eines Hochwassers erhalten Sie auch unter folgenden Quellen:

Der Flyer "Frühzeitig informieren - rechtzeitig handeln" enthält wesentliche Informationen zum Hochwassermeldedienst in Sachsen-Anhalt. Hier können Sie den Flyer runterladen.

>>> Deichsanierung in Sachsen-Anhalt

Das Hochwasser im August 2002 im Einzugsgebiet der Elbe hat die Defizite des Hochwasserschutzes auch in Sachsen-Anhalt schonungslos deutlich gemacht.

In den Jahren 2002 - 2006 dominierte die Hochwasserschadensbeseitigung. Dabei war festzustellen, dass die Schäden an den Deichanlagen bei näherer Betrachtung größer waren und die Standsicherheit der bestehenden Deiche schlechter war, als im Ansatz in der Hochwasserschutzkonzeption bis 2010 ausgewiesen. Deichsanierung, Deichneubau, Deichrückverlegung und Erweiterung des Hochwasserschutzes ergänzten sich mit den Maßnahmen der Schadensbeseitigung. Zur Vorbereitung wurden beachtenswerte Ingenieurleistungen auf den Gebieten der Vermessung, Baugrunduntersuchung, Standsicherheitsberechnung, Gewässer- und Auenhydraulik erbracht. Insgesamt wurden in den Jahren 2002 bis 2009 für den technischen Hochwasserschutz incl. der Schadensbeseitigung 394,4 Mio. Euro eingesetzt.

Im Vergleich zu allen anderen von den Hochwasserereignissen 2002 und 2006 betroffenen Bundesländern konnten in Sachsen-Anhalt schon Ende 2009 damit die größten Fortschritte im Deichbau mit ca. 480 km Deichneubau erreicht werden.

>>> Deichsysteme in Sachsen-Anhalt

Die Hochwasserschutzanlagen in Sachsen-Anhalt haben eine sehr lange Tradition. Mit dem Bau von Deichen wurde bereits im 12. Jahrhundert begonnen. Im 18. Jahrhundert wurden umfangreiche Deichbaumaßnahmen durchgeführt. Die in dieser Zeit geschaffenen Deichsysteme wurden in ihren Grundzügen bis heute beibehalten. Im 19. und 20. Jahrhundert nahm man nur noch Optimierungen vor. Durch mehrere ergänzende Bauten wurden die Deichlinien an bestimmten Stellen geschlossen, insbesondere im Bereich von Siedlungen. Später wurden im Wesentlichen nur noch Erhöhungen und Verstärkungen vorgenommen. Erst nach dem Augusthochwasser 2002 wurde mit einer intensiven Deichsanierung begonnen.

In der Anlage zum Wassergesetz für das Land Sachsen-Anhalt (WG LSA) sind die Deiche aufgeführt, deren Ausbau und Unterhaltung dem Land obliegen. Zum Deich gehören der Deichkörper, der Deichverteidigungsweg, die beidseitigen Deichschutzstreifen und die Sicherungsbauwerke wie Fußbermen, Qualmdeiche, Deichseitengräben, Fuß- und Böschungssicherungen sowie Siele und Deichrampen. Die land- und wasserseitigen (beidseitigen) Deichschutzstreifen grenzen in einer Breite von fünf Metern am Deichkörper an. Zur eindeutigen Zuordnung der Deiche führt der Landesbetrieb für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft (LHW) ein Deichregister.

Das Deichregister umfasst sämtliche Deiche, auch Teilschutzdeiche, in der Zuständigkeit des Landes. Bei diesen Deichen obliegen Ausbau und Unterhaltung dem LHW. Das Deichregister enthält ausschließlich die Angaben für eine eindeutige Zuordnung der Deiche, d.h. die örtliche Lage sowie Anfangs- und Endpunkte. Das Deichregister ergänzt das Verzeichnis der Deiche in der Anlage zum WG LSA und ist in der jeweils aktuellen Fassung auf Dauer öffentlich auszulegen. Die im aktuellen Deichregister nachgewiesene Länge aller Landesdeiche beträgt 1.312 km.

>>> Hochwasserschutzkonzeption

Im November 2015 wurde die aktualisierte Hochwasserschutzkonzeption des Landes vorgestellt.

Die Hochwasserschutzkonzeption zeigt den seit 2002 erreichten Stand bei der Verbesserung des Hochwasserschutzes in Sachsen-Anhalt auf. Unter Berücksichtigung der Konsequenzen und Erfahrungen aus dem Hochwasser 2013 zeigt sie zudem, wie die gesetzten Ziele im Hochwasserrisikomanagement, im technischen Hochwasserschutz, in der Hochwasservorsorge sowie bei der Schaffung von zusätzlichem Retentionsraum in Sachsen-Anhalt bis 2020 erreicht werden können. So wird die Hochwasservorsorge durch die bereitgestellten Hochwassergefahren- und Hochwasserrisikokarten unterstützt. Zentrale Elemente sind hier die Verbesserung der Hochwasservorhersage für die Elbe und die umfassende Weiterentwicklung der Hochwasservorhersagezentrale. Anfang Dezember 2014 ist die überarbeitete Hochwassermeldeordnung in Kraft getreten.

In der Hochwasserschutzkonzeption werden erstmals auch Belange des kommunalen Hochwasserschutzes erfasst.

Hochwasserschutzkonzeption des Landes Sachsen-Anhalt zum Download (pdf, barrierefrei)

Anlage 1 – Ergebnis der vorläufigen Bewertung des Hochwasserrisikos in Sachsen-Anhalt

Anlage 2.1 – Übersichtskarte Elbe (1) – Empfehlung realisierbarer Standorte

Anlage 2.2 – Übersichtskarte Elbe (2) – Empfehlung realisierbarer Standorte

Anlage 2.3 – Übersichtskarte Elbe (3) – Empfehlung realisierbarer Standorte

Anlage 3 – Übersichtskarte Mulde – Empfehlung realisierbarer Standorte

Anlage 4 – Übersichtskarte Saale – Empfehlung realisierbarer Standorte

Anlage 5 – Übersichtskarte Weiße Elster – Empfehlung realisierbarer Standorte